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Viele Mitarbeiter haben in den letzten Jahren, als Betriebe Personal abbauten, den Kopf eingezogen getreu dem Motto: Bloß nicht auffallen. Ein bisschen mehr als "Dienst nach Vorschrift", eine gewisse Beflissenheit schien den Job eventuell ebenso zu sichern wie das Zurückstellen von Weiterbildungswünschen. Diese
Haltung ist aber kontraproduktiv, wenn Unternehmen wieder investieren und einstellen. Am Arbeitsmarkt
gefragt ist, wer die neuesten Werkzeuge kennt und die aktuellen Entwicklungskonzepte beherrscht. Wer eine Computerschulung besuchen will, muss nicht unbedingt ein Industrietraining
bezahlen es gibt auch günstige Alternativen, die ebenfalls anerkannt sind.
Dass man am besten in Trainings von Microsoft, Cisco oder SAP
lernt, impfen Hersteller ihren Anwenderkunden täglich ein. Doch aufmerksame
Beobachter wissen: Es gibt einen unabhängigen IT-Weiterbildungsmarkt, der dem Industrieangebot
qualitativ ebenbürtig ist und mancher Karriere einen gehörigen Schub verleiht. Freilich könnte diese Szene
viel größer sein, kritisiert der Weiterbildungsberater Karl-Heinz Hageni aus Bensheim.
Eigeninitiative wird wichtiger
Eigeninitiative wird wichtiger Weil die öffentliche Hand die Unterstützung von IT-Weiterbildungsangeboten in
den letzten Jahren drastisch herunterfuhr, verschwanden einst tonangebende Bildungsanbieter wie das
Control Data Institut (CDI) vom Markt, während andere wie die Deutsche Angestellten Akademie (DAA
zahlreiche Mitarbeiter entließen. "So ist eine große Lücke entstanden, die sich jetzt
angesichts des Fachkräftemangels bemerkbar macht", beobachtet Hageni.
Die konjunkturelle Belebung in der IT setzt Unternehmen wie Mitarbeiter unter Druck. Während Firmen
händeringend nach Arbeitskräften suchen, geraten immer mehr IT-Mitarbeiter unter Zugzwang, die eigene
Karriere auch durch zukunftsorientierte Trainings zu fördern. Das Orientierungsbedürfnis ist groß: Was
brauche ich wirklich? Wie bekomme ich Weiterbildung und Arbeit unter einen Hut? Welche Kosten kommen
auf mich zu? Wer sich informieren möchte, welche Qualifikationen als besonders nützlich gelten und wo
entsprechende Schulungen veranstaltet werden, dem bietet sich zum Beispiel die Kibnet
-Initiative als Anlaufstelle an. Ins Leben gerufen wurde sie vom Branchenverband Bitkom
und der IG Metall.
Versteckte Kosten vermeiden
Kibnet-Statistiken zufolge fällt die Nachfrage nach Weiterbildungsangeboten für IT-Projektleiter derzeit am
stärksten aus. "Dieses relativ neue Profil hat sich durchgesetzt und wird zunehmend professionalisiert",
erklärt Hageni, der Weiterbildungsinteressenten bei Kibnet berät. Begehrt sind auch Trainings für IT-Berater
und IT-Architekten. Ebenfalls überdurchschnittlich begehrt sind Schulungen für IT-Sicherheitskoordinatoren,
Softwareentwickler und Netzwerkadministratoren, wie Hageni berichtet.
Wer seine Karriereaussichten mit einem Weiterbildungskurs verbessern möchte, ist, wenn er nicht selbst
bezahlen und sich auf die Freizeit beschränken will, auf das Wohlwollen seines Arbeitgebers angewiesen.
Der wendet sich zum Beispiel an IT-Seminaranbieter wie etwa Freund+Dirks
aus Weilrod in der Nähe von Frankfurt am Main. Freund+Dirks schult einzelne
Mitarbeiter, etwa den zukünftigen Projektleiter eines Softwarehauses, der sich für Java/J2EE zertifiziert.
Oder das Institut entwickelt maßgeschneiderte Seminare für Teams und Abteilungen, wenn es etwa
IT-Berater zu "Selling Consultants" qualifiziert oder IT-Auszubildende für mehr Kundenorientierung
sensibilisiert. Das Konzept der "respektvollen Weiterbildung" sieht vor, dass neben der IT-Fachkompetenz
immer auch die Methoden- und Sozialkompetenzen der Teilnehmer im Fokus stehen. "Durch den Aufbau
dieser Handlungskompetenz", skizziert Sprecherin Claudia Schmidt das Bildungsziel, "stellen wir sicher,
dass später kein versteckter Aufwand bei der Anwendung des Erlernten auftreten kann."
Dieses Ziel verfolgt auch die arbeitsprozessorientierte Weiterbildung (APO), ein Konzept, das zunehmend
von sich reden macht. Wie von Schmidt angedeutet, ist die ausschließlich technisch ausgelegte
Weiterbildung der Industrie, deren primäres und auch verständliches Ziel es ist, Produkte bekannt zu
machen und zu verkaufen, durch mangelhafte Transfersicherheit geprägt. Mit anderen Worten: Eine 10.000
Euro teure Cisco- oder Red-Hat -Zertifizierung bedeutet nicht, dass der Mitarbeiter das
Gelernte auch in der betrieblichen Praxis umsetzen kann.
Berufsbegleitend lernen
Dieses Problem ist Personalern schon lange ein Dorn im Auge. Hacer Deger, Personalleiterin der Kölner
Pironet AG: "Wir haben uns als eine der ersten mittelständischen Firmen für ein
APO-Projekt entschieden." Weil die Firma auf dem Personalmarkt gegenüber Konzernen den Kürzeren zieht
und sich laut Deger davor schützen möchte, "dass uns Mitarbeiter von der Fahne gehen", werden 15
Unternehmensangehörige nun berufsbegleitend 18 Monate zum "Operative Professional" weitergebildet.
Kosten für alle zusammen: ein niedriger fünfstelliger Betrag. Neben Management-Methoden und Techniken
lernen die Mitarbeiter auch Tools für die Projekt- und Prozesssteuerung zu beherrschen. Anders als in üblichen Weiterbildungsseminaren können die Studierenden ihr neues Know-how direkt in aktuelle Projekte
einbringen und unter Mithilfe erfahrener Profis aus der Praxis festigen. Die abschließende Prüfung nimmt die
IHK ab.
Zu wenige verstehen APO
Gewiss ist das von der Fraunhofer-Gesellschaft entwickelte und Mitte 2003 eingeführte
IT-Weiterbildungssystem APO, das 35 Berufsprofile in den Stufen "Spezialist", "Operative Professionals" und "Strategische Professionals" bietet, ein qualitativer Fortschritt in der IT-Weiterbildung. Doch erst wenige
Schulungsanbieter erschließen sich das neue Feld wie etwa Q.Punkt
in Nürnberg. "Lernen findet am Arbeitsplatz statt", skizziert Geschäftsführerin
Jutta Deinbeck den Vorteil. "Mit APO können Firmen den wirklichen Wert von Industrieschulungen und
Zertifizierungen herausfiltern." Während Pironet, das mit der Kölner APO-Akademie
kooperiert, sich für den IHK-Abschluss entschieden hat, können APO-Teilnehmer
bei Q.Punkt ihre Prüfung auch vor den Zertifizierungsstellen Cert-IT und gps-cert
ablegen und damit einen international anerkannten Abschluss erwerben.
APO könnte viel bekannter sein. "Aber gegen die Übermacht der Industriewerbung ist wenig auszurichten",
ärgert sich Deinbeck. Volker Falch, Leiter der IT Akademie Bayern in Augsburg,
nennt noch einen weiteren Grund. Für ihn ist APO erklärungsbedürftig. "Personaler verstehen das schon",
sagt Falch. "Aber verantwortlich für die Weiterbildung der IT-Fachkräfte sind die IT-Leiter. Und die haben
nicht gelernt, wie Personalentwicklung für IT funktioniert." Auch die IT Akademie Bayern ist auf den
APO-Zug aufgesprungen. Zudem offeriert sie ein gemeinsam mit O2 entwickeltes Weiterbildungsprogramm
für Techniker, die sich Consulting-Know-how aneignen müssen. Ferner hat sich die Akademie mit
Mainframe-Trainings erfolgreich in einer Nische etabliert.
Flexible Angebote sind nötig
Für den einzelnen IT-Mitarbeiter, der sich neben der Arbeit weiterbilden will, gibt es Kurse zu Itil, Oracle oder
Projekt-Management nach Feierabend oder am Wochenende. "Engagierte Leute, die auch ausgelastet sind",
sagt Falch, "können nicht vor 18 Uhr zum Training gehen. Sie benötigen flexible Angebote."
Trainingsexperte Hageni zufolge sind karriereorientierte Mitarbeiter bereit, bis 5000 Euro fürs persönliche
Fortkommen zu investieren. "Lehrgänge auf dem freien IT-Weiterbildungsmarkt müssen für Privatanwender
bezahlbar sein und auch Zertifizierungen beinhalten. Schließlich wollen sich viele IT-Mitarbeiter ohne Wissen
des Arbeitgebers individuell weiterbilden, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen." Für
Lehrgänge, die sich an Professionals richten, kann man das "Meister-Bafög" beantragen. Zwei Drittel sind
später zu erstatten, ein Drittel gibt der Staat hinzu. Bedingung: Die Maßnahme muss als so genannter
Aufstiegslehrgang anerkannt sein.
Laut Hageni ist die fachliche Qualifizierung inzwischen Aufgabe jedes Einzelnen, die treibende Kraft ist der
berufliche Auf- oder Wiedereinstieg. Wie Hageni in einer Studie für das Bundesinstitut für Berufsbildung
(BIBB) ermittelte, konzentriert sich die Weiterbildung in der IT-Branche nicht mehr wie in
den 80er und 90er Jahren auf IT-Fachkräfte, sondern auf spezielle Zielgruppen wie den IT-Projektleiter,
Nachwuchsführungskräfte und Vertriebsmitarbeiter. Deshalb müssen alle anderen Mitarbeiter aber nicht in
die Röhre schauen. Wie gerufen für diese Zielgruppe ist Blended Learning. Hier wechseln sich
Präsenzphasen mit intensivem Selbstlernen via PC und Internet ab.
Dieser Methodenmix ist längst Bestandteil des breiten IT-Weiterbildungsmarktes, zeichnet aber manche
Anbieter ganz besonders aus. Sogar einige Industrie- und Handelskammern wie in Darmstadt oder Köln
eignen sich als Anlaufstelle für
aufstiegswillige IT-Mitarbeiter. Mit ihrem Fernlernangebot für IT-Mitarbeiter hat sich auch die
Studiengemeinschaft Darmstadt SGD einen Namen gemacht. Für Hageni ist SGD klar die
Nummer eins im Markt für interaktive IT-Trainings. "Wir wenden uns an den einzelnen Mitarbeiter", sagt
Harald Stürmer, bei SGD verantwortlich für das IT-Seminarangebot. "Viele wollen sich erfolgreich
positionieren: Hallo, ich habe das Wissen!" Derzeit boomen Java-Themen, gefragt sind auch Trainings zu Applikationsentwicklung und Datenbanken.
Um frühzeitig Trends zu erkennen und den tatsächlichen Bedarf von Mitarbeitern in möglichst passgenaue
Trainings umzusetzen, analysiert Stürmer immer wieder den Stellenmarkt. Besonders gut laufen die
gemeinsam mit SAP betriebenen Anwendertrainings und Zertifizierungen. Für die Zertifikate
Debitorenbuchhalter oder Einkäufer, die eine Regelstudienzeit von zehn Monaten vorsehen, müssen
Teilnehmer 1800 Euro berappen. Zusätzlich erhebt SAP eine Prüfungsgebühr.
Dank Blended Learning erledigen die
Teilnehmer das größte Lernpensum zu Hause. Dazu erhalten sie Lernhefte, interaktive Lernprogramme und
Zugang zu einem virtuellen Klassenzimmer im Online-Campus. Obwohl die Kurse offiziell auf zehn Monate
ausgelegt sind, können Eilige das Pensum auch viel schneller schaffen. Garantiert ist die Begleitung durch
einen Tutor für 15 Monate.
Wie Hageni beobachtet, interessieren sich immer mehr Firmen vor allem im IT-Umfeld für E-Learning als
Weiterbildungsalternative. Weil immer mehr Beschäftigte in Projekten arbeiten, die unter anspruchsvollen
Zeitvorgaben stehen, sei die Weiterbildung aus Sicht des Vorgesetzten weniger eine Kostenfrage als ein
Problem der zeitlichen Freistellung. Daher favorisieren Firmen wie die Software AG oder Unisys immer mehr das E-Learning im Rahmen so genannter Corporate Universities.
Allerdings sei ungestörtes elektronisches Lernen am Arbeitsplatz kaum möglich. Dass häusliches Lernen als
Arbeitszeit anerkannt wird, könne man in Betriebsvereinbarungen regeln. "Ob es dann aber auch in der
Projektplanung berücksichtigt wird", so Hageni, "muss der einzelne Mitarbeiter mit seinem Vorgesetzten
aushandeln."
Quelle: Winfried Gertz
© COMPUTERWOCHE, 2007
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