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Familienfreundlichkeit in IT- Unternehmen

Unternehmen erkennen, dass Familienfreundlichkeit kein Sozialklimbim ist, sondern knallharter Wettbewerbsvorteil. Gerade in der IT-Branche sind gute Leute knapp und sie zu binden eine Herausforderung.

Hier lesen Sie ...
  warum Unternehmen auf ein familienfreundliches Klima nicht verzichten können;
  warum sich Familienfreundlichkeit auch betriebswirtschaftlich auszahlt;
  was Väter von ihren Arbeitgebern erwarten.
  warum es Teilzeit-Väter schwerer haben.


Es war im Sommer 2000 als Andreas Schweinbenz und sein heutiger Chef-Softwareentwickler Jürgen Neumann auf der Dachterrasse ihres damaligen Arbeitgebers Netpioneer in Karlsruhe saßen. In den Händen eine Flasche Bier, im Kopf eine Vision: "Es muss doch möglich sein, über das Internet visuell zu kommunizieren." Es war möglich. Ein Jahr später gründeten die beiden die Firma Netviewer. Und profitieren seitdem beruflich wie privat von ihrer Erfindung.

Wenn Neumann zweimal pro Woche von zu Hause aus arbeitet, um auf seine neun Monate alte Tochter aufzupassen und damit seine Frau entlastet, kann er aus der Entfernung via Internet mitprogrammieren und an Konferenzen teilnehmen. "Für uns ist das kein Thema", so die Personalchefin Susanne Jonas. Und Neumann ergänzt: "Selbst wenn ein Release ansteht, die Familie hat höchste Priorität. Beruf und Familie müssen zusammengehen." Die hohe Flexibilität wann arbeiten, von wo aus arbeiten ist somit auch nicht nur den oberen Managern der Firma vorbehalten. Alle Netviewer-Mitarbeiter können sie nutzen auch während der Elternzeit. Wer möchte, kann sich 30 Stunden pro Woche rund um die Uhr von zu Hause aus ins digitale Geschehen des Unternehmens einklinken. "So bleiben die Mitarbeiter auf dem Laufenden", so Jonas, "und tun sich bei der Rückkehr nicht so schwer."

 

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Unternehmensziel: Gute Mitarbeiter halten
In deutschen Unternehmen sind solche Angebote noch lange nicht Alltag. Allem familienpolitischen Trommeln, allen Initiativen für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie zum Trotz, gilt in der Arbeitswelt allzu oft immer noch: Job ist Job, privat ist privat. "Langsam gewinnt das Thema an Boden, gerade in der IT-Branche", weiß Silke Masurat, Prokuristin bei Compamedia. Demographische Entwicklung und Fachkräftemangel setzen die Unternehmen ebenso unter Druck wie der gesellschaftliche Klimawandel. Masurat weiter: "Wer Mitarbeiter gewinnen und vor allem halten will, darf seine gut ausgebildeten Fach- und Führungskräfte nicht länger vor die Wahl stellen: deine Familie oder wir." Das machen nur unfähige Chefs.

Seit fünf Jahren richtet Compamedia den Wettbewerb "Top Job" aus ein bundesweites, branchenübergreifendes Benchmarking, mit dem Ziel vorbildliche Arbeitgeber aus dem Mittelstand einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen und sie so bei der Suche nach qualifizierten Arbeitskräften zu unterstützen. Diesjähriger Sieger in der Kategorie "Familie und Sozialorientierung": Securetec. Teilzeitarbeitsplätze, variable Arbeitszeiten und Unterstützung in der Kinderbetreuung sind im Brunnthaler Unternehmen selbstverständlich. "Wir wollen, dass die Besten für uns arbeiten. Und das erreichen wir, wenn wir unseren Angestellten weiblich wie männlich überzeugende Arbeitsbedingungen bieten, so Unternehmensgründer und Vorstand Rudolf Zimmermann. Und zu überzeugenden Arbeitsverhältnissen gehöre die Möglichkeit, Familie und Beruf unter einen Hut zu zaubern. "Das Rollenverständnis hat sich verändert: Frauen wollen trotz Kindern arbeiten und Männer trotz Job ein intensives Familienleben leben."

Die neuen Erwartungen an Familie und Beruf haben sich in der Unternehmenswelt herumgesprochen. "Neuerdings melden unsere Personaler, dass immer häufiger hochqualifizierte IT-Absolventen anrufen und erstmal fragen: Was tun Sie für die Familienfreundlichkeit?", sagte ein Vertreter der Siemens-Führungsriege unlängst zu Familienministerin Ursula von der Leyen bei einem Rundgang durch die Werkshallen. "Kommt nichts, bewerben die sich nicht." Und Heidi Stock, Projektleiterin Chancengleichheit bei Bosch in Stuttgart erzählt: "Seit zwei, drei Jahren fragen die jungen Ingenieure, was wir für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie tun." Mit der Einführung der Vätermonate Anfang des Jahres, habe das Thema nochmal Schwung bekommen.


Ein Unternehmen, das ebenso wie Netviewer und Securetec bereits reagiert hat, ist das Münchener Software- und Beratungshaus sd&m. Neben flexiblen Arbeitszeiten und einem ausgeklügelten Teilzeitsystem profitieren die Mitarbeiter von einem Firmenkindergarten und einem Kinderbetreuungszuschuss von 100 Euro im Monat. Vor allem Frauen nehmen die Angebote wahr, sieben Prozent der Mitarbeiter arbeiten in Teilzeit. Doch möglich ist das auch in Leitungsfunktionen, wie im Falle des Bereichsleiters, der auf 25 Stunden reduzierte, als der Nachwuchs kam. "Seit eineinhalb Jahren hat das Thema für unser Image auf dem Bewerbermarkt an Bedeutung gewonnen", sagt sd&m-Geschäftsführer Christoph Reuther. "Und wir werden noch mehr Gas geben."

Auch der Staat tut mehr für die Familie
Fast drei Viertel aller Unternehmen schätzen ein familienorientiertes Klima laut Unternehmensmonitor des Kölner Instituts der Deutschen Wirtschaft als wichtig oder sehr wichtig ein. Vor drei Jahren waren es knapp die Hälfte. Gut 30 Prozent haben heute sieben bis zwölf familienfreundliche Maßnahmen im Angebot darunter flexible Auszeiten, Pausenregelungen und Eltern-Kind-Arbeitszimmer. 2003 waren es gerade mal 12,7 Prozent. Um den Austausch effizienter zu gestalten, haben Bundesfamilienministerium und Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK) im Juli 2006 das Unternehmensnetzwerk "Erfolgsfaktor Familie" gegründet. Auch Firmen, die sich beim "Audit Beruf und Familie" auf Familienfreundlichkeit checken und beraten lassen sind keine Exoten mehr: 1999 meldeten sich acht an, 2006 waren es knapp 200.

Wenn das Projekt ruft
Und dennoch: Familienfreundliche Freiräume kollidieren in den meisten Unternehmen immer noch und immer wieder mit den Anforderungen des Alltagsgeschäfts. Im Zweifelsfall ist oft doch der Projektabschluss wichtiger, der Kunde ruft, der Druck des Marktes scheint keinen Spielraum zu lassen. "Natürlich gibt es Zeiten, in denen Familieninteressen zurückstehen müssen", sagt auch der Düsseldorfer Berater Hans-Georg Nelles. "Allerdings werden es sich Unternehmen kaum leisten können, dauerhaft keine Rücksicht auf die ausgehandelten Freiräume der Mitarbeiter zu nehmen." Ohnehin stehe das Thema Familienfreundlichkeit erst am Anfang. "Die Außendarstellung unterscheidet sich oft fürchterlich von dem, was in den Unternehmen tatsächlich läuft", so Marcus Schmitz, der Unternehmen in puncto familienfreundlichem Personal-Management berät und soeben ein Buch über "Familienfreundliche Unternehmensstrategien" herausgebracht hat. Der Berliner Sozialforscher Peter Döge vom Institut für Innovations- und Zukunftsforschung (IAIZ) sieht das ähnlich: "Viele Personaler tönen mit ihren familienpolitischen Maßnahmen, stöhnen aber über die Kosten." Hinter vorgehaltener Hand werde signalisiert: Wenn du nicht 50 Stunden ranklotzt, wird das nichts mit der Beförderung. Diese doppeldeutigen Botschaften verunsichern gerade Väter.

Väter haben es schwerer als Mütter
Zumal es Väter in der Regel sowieso schwerer haben als Mütter. Hans-Georg Nelles, neben seiner Beratertätigkeit auch Gründer der Website vaeter-und-karriere.de, spricht da gerne von "Produktenttäuschung". Während bei weiblichen Angestellten ein familienbedingter Ausfall schon bei der Einstellung "eingepreist sei", rechnet bei Männern kaum ein Arbeitgeber damit. Kein Wunder, dass Männer die familienpolitischen Maßnahmen selten annehmen. Teilzeit beispielsweise nehmen gerade mal 1,5 Prozent der Väter in Anspruch.
Seit zehn Jahren zieht Nelles durch die Unternehmen, um Arbeitgeber für die Bedürfnisse von Vätern zu sensibilisieren. Und um herauszufinden, was Väter genau wollen. Nelles: "Wenn Papas in Teilzeit gehen, wollen sie keine Vollzeit light. Wenn sie für einen Kindergeburtstag früher gehen möchten, wollen sie nicht darum bitten müssen." Doch in vielen Unternehmen gibt es weder passende Angebote, noch Ansprechpartner oder Netzwerke für Männer mit Interesse an Familienzeit. Und welcher Mann wendet sich schon freiwillig an die Frauenbeauftragte?

Hier liegt für Berater Schmitz auch der Knackpunkt: Familienfreundlichkeit als Frauenthema, als Zuckerstückchen in wirtschaftlich guten Zeiten - damit verrennen sich die Unternehmen: "Die Debatte wurde jahrelang falsch geführt. Familienfreundlichkeit ist keine Frage von Image oder Frauenförderung, sondern betriebswirtschaftlich notwendig: Nur familienfreundliche Unternehmen haben künftig im Wettbewerb eine gute Chance, dauerhaft motivierte Mitarbeiter an sich zu binden. Das haben viele Unternehmen immer noch nicht verstanden." Es sei überfällig, dass sich Manager ein paar Fragen stellen: Was kostet die Neubesetzung einer Ingenieurstelle? Wie teuer kommt der Ausfall eines gestressten Mitarbeiters? Wie viele gute Mitarbeiter entgehen mir, weil ich als Arbeitgeber nicht attraktiv bin? Schmitz: "Die Firmen wissen meist nicht, wie sie solche Zahlen erheben sollen. Sie müssen ihr Personal-Controlling ändern. Mit harten Zahlen können sie firmenintern für familienfreundliche Maßnahmen trommeln und langfristige Strategien für ihre Personalplanung entwickeln."


Die Betonung liegt auf langfristig. Wenn Schmitz Personaler heute fragt: "Wie viele Mitarbeiter nehmen eure schönen Angebote denn wahr?", dann heißt es oft: "Ist doch egal, wir brauchen die Instrumente nur zur Personalbeschaffung." Schmitz: "Das ist tödlich. Denn dann verlieren sie die guten Mitarbeiter früher oder später doch. Und sind wieder in der Kostenfalle." Das führt oft in die Sackgasse. Das 2005 an der Universität Münster gegründete "Forschungszentrum familienbewusste Personalpolitik" (FFP) will daher untersuchen: Wie wirksam sind die Maßnahmen? Wie lässt sich das in Heller und Pfennig ausdrücken? Berater Schmitz warnt freilich vor übertriebenen Erwartungen: "In jedem Unternehmen sind die Bedingungen anders. Deshalb muss jedes Unternehmen selbst kalkulieren. Dabei muss klar sein, dass Mitarbeiter eine Ertragsgröße sind, kein Kostenfaktor." Auch Netviewer gehört zu den Top-Job-Unternehmen 2007. Und vielleicht überzeugen die Karlsruher im kommenden Jahr die Juroren mit ihrem Engagement in Sachen Familie.

Quelle: Anja Dilk und Heike Littger
COMPUTERWOCHE, 2007

 
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